Eigentlich gilt Gold als Versicherung gegen genau solche Tage: Im Nahen Osten eskaliert die Lage, die Straße von Hormus ist für Tanker blockiert, Öl klettert Richtung 75 Dollar. Doch statt zu steigen, verliert Gold fast 3 Prozent und testet die 4.000-Dollar-Marke. Der Grund liegt nicht in der Krise selbst, sondern in dem, was sie auslösen könnte: höhere Zinsen.
Auf einen Blick:
Gold notiert um 4.000 US-Dollar je Unze, am Dienstagmorgen zeitweise knapp darunter, der tiefste Stand seit Anfang Juli
Rund 2,6 Prozent Minus am Montag, zweiter Verlusttag in Folge
Auslöser: US-Luftschläge auf über 100 iranische Militärziele, Iran blockiert die Straße von Hormus, WTI steigt Richtung 75 US-Dollar
CME FedWatch: rund 71 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine Fed-Zinserhöhung im September, nach 63 Prozent in der Vorwoche
Fed-Gouverneur Waller: Ein hoher Kern-CPI würde eine Zinserhöhung kurzfristig auf die Agenda bringen
Heute um 14:30 Uhr deutscher Zeit kommt der Juni-CPI, dazu der erste Kongress-Auftritt von Fed-Chef Kevin Warsh
Warum Gold fällt, obwohl die Welt unsicherer wird
Am Montag hat Gold rund 2,6 Prozent verloren, am Dienstagmorgen rutschte der Preis zeitweise unter 4.000 Dollar je Unze. Das ist der tiefste Stand seit Anfang Juli. Und das in einer Woche, in der die USA laut übereinstimmenden Berichten mehr als 100 iranische Militärziele angegriffen haben und der Iran die Straße von Hormus für Tankerverkehr blockiert.
Normalerweise wäre das ein Drehbuch für steigende Goldpreise. Diesmal nicht. Der Markt schaut nämlich weniger auf die Krise als auf ihre Nebenwirkung: den Ölpreis. WTI ist innerhalb weniger Tage um mehr als 4 Prozent in Richtung 75 Dollar geklettert. Teureres Öl bedeutet neuen Inflationsdruck. Und neuer Inflationsdruck bedeutet: Die US-Notenbank könnte die Zinsen wieder anheben, statt sie zu senken.
Die Mechanik: Öl treibt die Inflation, die Inflation treibt die Fed
Gold zahlt keine Zinsen. Steigen die Renditen sicherer Anleihen, steigen die Opportunitätskosten für alle, die Gold halten. Genau diese Rechnung läuft aktuell gegen den Goldpreis.
Laut CME FedWatch Tool preisen die Märkte inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von rund 71 Prozent für eine Zinserhöhung der Fed im September ein. Vor einer Woche waren es noch etwa 63 Prozent. Ein Schritt um 25 Basispunkte bis zum Jahresende gilt an den Terminmärkten als praktisch voll eingepreist, auf Sicht von zwölf Monaten rechnen Beobachter wie Brown Brothers Harriman mit knapp 50 Basispunkten Straffung.
Zusätzlichen Druck lieferte Fed-Gouverneur Christopher Waller: Sollte die Kerninflation in dieser Woche hoch ausfallen, müsse die Notenbank kurzfristig über eine Zinserhöhung nachdenken. Solche Sätze wirken auf Gold wie Ballast, weil sie das Szenario „höhere Zinsen für längere Zeit" zementieren.
Heute wird es konkret: Juni-CPI und Warshs erster Kongress-Auftritt
Um 14:30 Uhr deutscher Zeit kommen die US-Verbraucherpreise für Juni. Die Mai-Inflation lag bei 4,2 Prozent, vor allem getrieben von Energiepreisen mit einem Plus von 23,5 Prozent zum Vorjahr. Fällt die Kernrate höher aus als erwartet, dürfte der Markt die September-Wette weiter nach oben schrauben. Das wäre zusätzlicher Gegenwind für Gold. Ein milder Wert könnte dagegen eine schnelle Gegenbewegung auslösen, weil viele Positionen zuletzt in dieselbe Richtung liefen.
Parallel tritt der neue Fed-Chef Kevin Warsh zum ersten Mal vor den Kongress. Jede seiner Formulierungen zur Inflationsbekämpfung dürfte der Markt genau abklopfen. Warum der heutige Termin-Doppelpack auch für Aktien-Trader zählt, lest ihr in unserem Beitrag zum US-Banken-Earnings-Auftakt mit CPI-Termin. Alle wichtigen Termine der Woche findet ihr im Wirtschaftskalender.
Diese Level haben Gold-Trader jetzt auf dem Schirm
Nach unten ist die 4.000-Dollar-Marke die erste Adresse: psychologische Marke und horizontale Unterstützung in einem. Darunter liegt das bisherige Jahrestief bei 3.941 Dollar, danach das Swing-Tief vom Oktober bei 3.886 Dollar.
Nach oben bremst zunächst der 20-Tage-Durchschnitt um 4.116 Dollar, darüber warten die Abwärtstrendlinie bei etwa 4.170 und die runde Marke von 4.200 Dollar. Der RSI notiert mit rund 38 im schwachen Bereich, signalisiert aber noch keinen überverkauften Markt. Der ADX um 37 spricht für einen etablierten Abwärtstrend. Wer mit solchen Indikatoren arbeiten will, findet die Grundlagen in unserem Bereich Trading lernen.
Chancen und Risiken
Auf der Risikoseite steht ein Szenario aus weiter steigenden Zinserwartungen, festem Dollar und intaktem Abwärtstrend. Solange der Markt jede Nahost-Schlagzeile zuerst in Ölpreis und Zinsfantasie übersetzt, bleibt Gold in der Defensive.
Auf der Chancenseite: Fällt der CPI milder aus als gedacht, kann sich das Zins-Repricing schnell umkehren. Strukturell bleiben zudem die Notenbankkäufe ein Nachfragefaktor. Und sollte die Eskalation im Nahen Osten vom Inflationsrisiko zum Wachstumsrisiko werden, kann die klassische Safe-Haven-Logik schneller zurückkehren, als der aktuelle Chart vermuten lässt. Wer auf Gold-CFDs oder Zertifikate setzt, sollte auf die Konditionen des Anbieters achten. Ein Vergleich lohnt sich, etwa über unsere Broker-Topliste.
Fazit
Gold fällt nicht, weil die Welt sicherer geworden ist, sondern weil der Markt gerade Zinsen höher gewichtet als Angst. Der heutige CPI entscheidet, ob die 4.000-Dollar-Marke hält oder ob das Jahrestief bei 3.941 Dollar in den Fokus rückt. Wie handelt ihr Gold in diesem Umfeld? Diskutiert mit im Trading Forum.





